Offener Brief an die deutsche Politik:
Realisieren Sie das Sexarbeitsgesetz (SAG) !
– Ein Gesetz für Gerechtigkeit, Respekt und Rechte in der Sexarbeit
Sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Ministerinnen und Minister,
sehr geehrte politische Entscheidungsträger:innen,
wir wenden uns mit einem dringenden Appell an Sie:
Lesen und prüfen Sie das Sexarbeitsgesetz (SAG)— einen umfassenden Gesetzesvorschlag, der von Sexarbeiter:innen in Deutschland erarbeitet wurde — und berücksichtigen Sie ihn bei der Ausgestaltung der zukünftigen Gesetzgebung zur Sexarbeit in Deutschland.
Das SAG bietet einen klaren, detaillierten und praxisnahen Rahmen, um Gerechtigkeit, Respekt und Menschenrechte für Menschen in der Sexarbeit zu gewährleisten.
Dies ist keine weitere abstrakte politische Empfehlung. Es handelt sich um einen visionären, rechtsbasierten Gesetzesentwurf, der in einem demokratischen, partizipativen Workshop-Prozess entwickelt wurde – getragen von der gelebten Erfahrung und der kollektiven Expertise von Sexarbeiter:Innen sowie Fachberatungsstellen aus diesem Arbeitsfeld.
WARUM JETZT?
Deutschland steht an einem Wendepunkt. Über zwanzig Jahre nach dem Prostitutionsgesetz von 2002 sehen sich Sexarbeiter:innen weiterhin mit Stigmatisierung, rechtlicher Unsicherheit und institutioneller Vernachlässigung konfrontiert. Die im Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) von 2017 verankerten Elemente der Teilkriminalisierung haben viele Menschen erneut in unsichere oder informelle Arbeitsverhältnisse gedrängt, anstatt Rechte oder Sicherheit wirksam zu verbessern.
Gleichzeitig wächst international die Dynamik hin zu vollständiger Entkriminalisierung und arbeitsrechtlicher Anerkennung. Die Vereinten Nationen, die WHO, UNAIDS, Amnesty International sowie Human Rights Watch bekräftigen, dass die Entkriminalisierung der wirksamste Weg ist, um Gesundheit, Sicherheit und Rechte von Sexarbeiter:innen zu schützen und Ausbeutung sowie Menschenhandel effektiv zu bekämpfen.
Das Sexarbeitsgesetz steht für einen neuen, evidenzbasierten und menschenrechtskonformen Weg nach vorn – orientiert an den Bedürfnissen, Analysen und Forderungen von Sexarbeiter:innen in Deutschland und international.
Warum dieses Gesetz von Bedeutung ist
Es wurde von den unmittelbar Betroffenen verfasst.
Zwischen November 2024 und April 2025 kamen Sexarbeiter:innen mit unterschiedlichsten Hintergründen (darunter Migrant:innen, trans* und queere Personen, selbstständig und kollektiv arbeitende Menschen sowie Personen mit unterschiedlichen Aufenthalts- und Rechtsstatus) in einer Reihe von Workshops zusammen, um diesen Gesetzesvorschlag gemeinschaftlich zu erarbeiten. Ihre Expertise und ihre gelebte Erfahrung bilden das Fundament des Gesetzes.Es inkludiert alle Sexarbeiter:innen.
Das SAG gilt für alle Formen der Sexarbeit – unabhängig von Staatsangehörigkeit, Geschlechtsidentität, Arbeitsumfeld oder rechtlichem Status. Es verfolgt ausdrücklich das Ziel, Diskriminierung und Marginalisierung zu beenden und stärkt Inklusion, politische Teilhabe sowie kollektive Selbstorganisation.Es bietet konkrete und umsetzbare Lösungen.
Das SAG bleibt nicht bei allgemeinen Leitgedanken stehen. Es formuliert klare rechtliche Schutzmechanismen, arbeitsrechtliche Ansprüche, Zugang zu Gesundheitsversorgung und sozialen Leistungen, Rechtsberatung sowie Schutz vor Gewalt, Ausbeutung und Stigmatisierung. Zahlreiche Empfehlungen des Evaluationsberichts des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) finden sich im SAG wieder.Es nützt der ganzen Gesellschaft.
Ein Rechtsrahmen, der auf Rechten und Respekt basiert, schafft sicherere, gesündere und transparentere Arbeitsbedingungen. Er reduziert die Abhängigkeit von ausbeuterischen informellen Strukturen und ermöglicht es Gesundheits- und Sozialdiensten, diejenigen besser zu erreichen, die Unterstützung benötigen. Der Ansatz des SAG berücksichtigt sowohl die Bedürfnisse der Gesellschaft als auch die der Sexarbeiter:innen im Sinne eines respektvollen Zusammenlebens und richtet Ressourcen gezielt dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
Das „Schwedische Modell“: Ein schädlicher Ansatz
Das sogenannte „Schwedische Modell“ kriminalisiert den Kauf sexueller Dienstleistungen. Es wurde unter anderem in Schweden, Norwegen und Frankreich eingeführt – mit dem Anspruch, Menschenhandel zu beenden und die Nachfrage zu reduzieren.
Warum Menschenrechtsorganisationen dieses Modell ablehnen:
Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass das Modell Menschenhandel reduziert (Global Alliance Against Traffic in Women, 2020).
Amnesty International stellt fest: „Die Kriminalisierung von Kund:innen drängt Sexarbeit in den Untergrund, setzt Sexarbeiter:innen größerer Gewalt aus und erschwert den Zugang zur Justiz.“ (Amnesty, 2016 Global Policy)
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) stellte in Verfahren aus Frankreich und Schweden fest, dass Sexarbeiter:innen verstärkter staatlicher Überwachung und Gewalt ausgesetzt waren.
Was Sexarbeiter:innen berichten:
In Frankreich erlebten 63 % der Sexarbeiter:innen nach Einführung des Modells eine Zunahme polizeilicher Schikanen (Le Bail & Giametta, 2018).
In der Republik Irland stiegen gewalttätige Übergriffe gegen Sexarbeiter:innen innerhalb von zwei Jahren nach Einführung des Modells um 92 % (Amnesty International, „We live within a violent system“, 2022, S. 21).
Sexarbeiter:innen berichten, größere Risiken einzugehen (z. B. Verzicht auf Kund:innen-Screening), um polizeilicher Präsenz zu entgehen.
Belgien: Ein positives Beispiel für arbeitsrechtliche Anerkennung
Mit einer wegweisenden Reform im Jahr 2022 wurde Belgien das erste europäische Land, das Sexarbeit vollständig entkriminalisierte und arbeitsrechtlich anerkannte.
Zu den zentralen Änderungen gehören:
Aufhebung strafrechtlicher Bestimmungen gegen Sexarbeit sowie gegen sogenannte „Dritte“ (z. B. Vermieter:innen, Fahrer:innen, Empfangspersonal oder Familienangehörige)
Zugang zu arbeitsrechtlichen Ansprüchen: Arbeitslosenversicherung, Rentenbeiträge, Elternzeit, Arbeitsverträge und Arbeitsschutz
Anerkennung von Sexarbeit als legitime Erwerbstätigkeit, geregelt durch Arbeitsrecht statt Strafrecht
Gewährleistung grundlegender Rechte, einschließlich des Rechts, Kund:innen abzulehnen, Arbeitspraktiken selbst zu bestimmen und eine Handlung jederzeit zu beenden
Warum Entkriminalisierung der richtige Weg ist
Sie erhöht die Sicherheit von Sexarbeiter:innen, da Straftaten ohne Angst vor Selbstbelastung angezeigt werden können.
Sie verbessert gesundheitliche Ergebnisse: Eine Studie im Lancet (2015) prognostizierte, dass die Entkriminalisierung von Sexarbeit die Zahl neuer HIV-Infektionen unter Sexarbeiter:innen innerhalb von zehn Jahren um bis zu 46 % senken könnte.
Sie ermöglicht eine klare Unterscheidung zwischen einvernehmlicher Sexarbeit und Ausbeutung oder Menschenhandel, sodass Strafverfolgungsbehörden sich auf tatsächliche Straftaten konzentrieren und Unterstützungsangebote bedarfsgerecht ausgestaltet werden können.
Unser Appell an Sie
Wir fordern Sie auf:
das Sexarbeitsgesetz (SAG) vollständig zu lesen und seine Vorschläge ernsthaft zu prüfen,
eine Gesetzgebung auf den Weg zu bringen, die die zentralen Schutzmechanismen des SAG aufgreift — gegebenenfalls angepasst an das deutsche Rechtssystem, jedoch seinem Geist treu bleibend,
sich zu einem demokratischen Prozess zu verpflichten, der die Stimmen von Sexarbeiter:innen ins Zentrum stellt, insbesondere die der am stärksten marginalisierten Gruppen,
den direkten Dialog mit Sexarbeiter:innen und Interessenvertretungen zu suchen, um Intention, Reichweite und praktische Bedeutung des Gesetzes zu verstehen und sie in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Ein Prüfstein für politischen Mut und Menschenrechte
Sexarbeiter:innen sind nicht unsichtbar. Wir sind Nachbar:innen, Kolleg:innen, Eltern, Studierende, Migrant:innen und Mitglieder unserer Gemeinschaften. Wir verdienen dieselben Rechte, dieselbe Würde und denselben Schutz wie alle anderen Menschen in Deutschland.
In einer Zeit, in der Deutschlands Engagement für Menschenrechte und Gleichberechtigung in Europa und weltweit genau beobachtet wird, wird Ihre Reaktion auf diesen Vorschlag ein starkes Signal senden – für Gerechtigkeit, Demokratie und Inklusion.
Wie Sie auf diesen Vorschlag reagieren, wird ein maßgeblicher Indikator für Deutschlands Bekenntnis zu Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe sein.
Wir bitten Sie:
Lesen Sie das Sexarbeitsgesetz!
Setzen sie sich dafür ein, dass es in der Gesetzgebung implementiert wird!
Zeigen Sie Mut!
Deutschland kann einen historischen Präzedenzfall schaffen, indem es einen visionären, von Betroffenen entwickelten Gesetzesvorschlag in dauerhaften rechtlichen Schutz und Respekt für alle überführt.
Erstunterzeichnende:
Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. (BesD)
bufas e.V. - Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter
Gesellschaft für Sexarbeits- und Prostitutionsforschung
Red Umbrella Éireann (Irland)
Selbstbestimmung Selbstgemacht e.V.
Sex Worker Action Group (SWAG)
SMART Berlin (HILFE-FÜR-JUNGS e.V.)
subway (HILFE-FÜR-JUNGS e.V.)
Um den offenen Brief zu unterzeichnen, senden Sie uns bitte eine E-Mail an ourwork.ourrights.ourlaw@proton.me